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Bekommt Deutschland jemals einen 24/7-Newssender?

Die neuesten Ereignisse in der Ukraine, die man mittlerweile als historisch bezeichnen darf, zeigen es mal wieder besonders deutlich: Wenn es irgendwo auf der Welt kracht, wenn ARD und ZDF allabendlich Brennpunkte und ZDF Spezials heraushauen und die internationalen Nachrichtensender zumindest stündlich ausführlicher mit Korrespondenten live vom Ort des Geschehens berichten, dann tun n-tv und N24 – genau – NICHTS. Von ihrem gewohnten Sendeschema mit Dokumentationen und Reportagen, unterbrochen durch stündliche Kurznachrichten, weichen sie nicht ab – schon gar nicht abends und am Wochenende.

Nun kann man argumentieren, dass es ja reicht, wenn man stündlich kurz über die neuesten Entwicklungen informiert wird oder abends ausführlich in den Hauptnachrichtensendungen. Und wenn man es gar nicht abwarten kann, gibt es ja noch das Internet. Und außerdem: Wer gut Englisch kann, der schaut BBC World News, CNN International oder einen anderen internationalen Newssender. Da gibt es ja mit Euronews sogar einen, der auch in deutscher Sprache sendet. Und ja, das stimmt auch. Eigentlich reicht das auch. Aber ist es zu viel verlangt, wenn man auf dem größten Fernsehmarkt Europas mit unzähligen Free-TV-Kanälen nach einem guten Newssender fragt? Ich will mich darüber nicht mehr empören. Das habe ich schon oft getan und auch andere. Beispielsweise Thomas Lückerath von DWDL.de, als 2011 in Libyen Geschichte geschrieben wurde.

Vielmehr möchte ich hier einige Überlegungen ausführen, wie wir in Deutschland endlich einen 24/7-Nachrichtensender bekommen könnten. Ich rede von einem nationalen Nachrichtensender, der wirklich den Großteil des Programms von 6 bis 0 Uhr mit Live-Nachrichtensendungen bestreitet und bei wichtigen Breaking News sein Programm entsprechend ändert – auch abends nach acht, auch am Wochenende. Dies gilt für nationale als auch für internationale Ereignisse. Nachrichtensender wie BBC News und Sky News im Vereinigten Königreich oder BFM TV in Frankreich.

BBC News ist öffentlich-rechtlich und wird durch Gebührengelder der Briten finanziert. Sky News gehört zu British Sky Broadcasting und damit zum Medienimperium von Rupert Murdoch. Der Sender mag zwar gut fürs Image sein, arbeitet aber defizitär. Klar, ein guter Nachrichtensender kostet einiges an Knete. Bislang scheint man das bei BSkyB aber in Kauf genommen zu haben. Bei BFM TV kenne ich mich nicht wirklich aus. Bekannt ist mir nur, dass der Sender ebenfalls privat finanziert wird.

Ein deutsches Sky News?

Beginnen wir mit dem Möglichkeit der privaten Finanzierung. Nach den bisherigen Entwicklungen muss man davon ausgehen, dass sich ein echter 24/7-Nachrichtensender in Deutschland klassisch privatwirtschaftlich mit Werbung finanziert nicht tragen kann. Im Kapitel 16 in The Rise of 24-Hour News Television: Global Perspectives kommen Carsten Reinemann und Nayla Fawzi zu dem Schluss, dass Marktkräfte dazu geführt haben, dass n-tv und N24 zu Dokumentationskanälen geworden sind. Das klingt plausibel. Ich persönlich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass sich in Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern und einer hohen Unternehmensdichte ein Nachrichtensender nicht refinanzieren kann, in Großbritannien und Frankreich aber schon. Zumindest in Großbritannien scheint dies aber ebenfalls nicht der Fall zu sein. Von daher hätten wir hier eine Gemeinsamkeit. Der Unterschied ist, dass es in Großbritannien trotzdem einen kommerziellen 24/7-Newskanal gibt.

Ein privatrechtlicher 24/7-Nachrichtensender kann sich also in Deutschland nicht tragen. Er kann nur existieren, wenn sein Besitzer bzw. sein Mutterkonzern hierbei nicht den finanziellen Gewinn im Auge hat, wie bei Sky News in Großbritannien. Ich habe mich deshalb schon gefragt, ob Sky Deutschland nicht schon Pläne zum Start eines Nachrichtensenders schmiedet und dabei auch N24 im Auge gehabt. Da hätte man ein fertiges top-modernes Sendezentrum im Herzen Berlins gehabt. Bekanntlich soll aber N24 jetzt Springer dabei helfen, Bild und Welt zu multimedialen Medienmarken zu machen.

Zurück zu einem imaginären deutschen Sky News: Um die Sportberichterstattung würde sich freilich Sky Sport News HD kümmern, aber ein richtiger Nachrichtensender wäre trotzdem noch mal eine andere Nummer als ein Sportnachrichtensender. Zudem würde man damit ins Free-TV hervordringen. Wenn man in Großbritannien in Kauf nimmt, dass Sky News defizitär arbeitet, warum sollte man das nicht auch in Deutschland tun? Zumal auch Sky Sport News HD erst mal teuer sein dürfte. Und daran hat man sich ja bereits gewagt.

Wie ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender in Deutschland aussehen könnte

Ich selbst halte es trotzdem für unwahrscheinlich, dass Sky das noch vor hat, denn sonst hätten sie es meiner Meinung nach schon getan. So wäre wohl die öffentlich-rechtliche Variante die einzig verbliebene Möglichkeit, einen 24/7-Nachrichtensender in Deutschland zu bekommen. Hier gibt es mit dem Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix sowie dem Digitalkanal tagesschau24 zwei „nachrichtensenderähnliche“ Kanäle. Tagesschau24 bietet zwar wochentags von 9 bis 20 Uhr und am Wochenende von 12 bis 18 Uhr durchgehend aktualisierte Tagesschau-Nachrichten, das Programm ist aber starr, es gibt keine Breaking News und keine Ausweitung der Nachrichtenstrecke. Phoenix überträgt Bundestagsdebatten und berichtet manchmal auch live von anderen Ereignissen, ist aber davon, ein Nachrichtensender zu sein, ebenso weit entfernt wie tagesschau24. Das ist auch ok so, beide Sender erfüllen schließlich ihren jeweiligen Auftrag.

Es läge also zunächst einmal an der Medienpolitik, den Auftrag für die Schaffung eines ö-r Nachrichtensenders zu geben. Stellt sich die Frage: In welcher Form könnte der dann im bestehenden komplizierten öffentlich-rechtlichen System organisiert sein? Und das möglichst beitragsneutral? Ohne Beitragserhöhung ginge es sicher nur, wenn Kompromisse gemacht würden, z.B. die Einstellung anderer Sender, denn Nachrichtenfernsehen ist teuer.

Als eher unrealistisch sehe ich die Varianten, dass das ZDF allein einen Nachrichtensender stemmt bzw. die eines gemeinsam von ARD und ZDF veranstalteten Nachrichtensenders. Das ZDF wäre alleine wohl nicht in der Lage, ohne gewaltigen Aufwand und signifikante Gebührenerhöhung einen eigenen Nachrichtensender zu stemmen. Auch ein gemeinsamer ARD/ZDF-Nachrichtensender wäre unrealistisch, da somit eine neue gemeinsame Nachrichtenmarke von ARD und ZDF geschaffen würde, was eine Schwächung der Marken Tagesschau und heute zur Folge hätte, die ja ohnehin bereits als öffentlich-rechtliche Nachrichtenmarken koexistieren müssen. Organisatorisch wäre das Ganze erst recht problematisch.

Am realistischsten: tagesschau24 als vollwertiger Nachrichtensender

Als die realistischste Möglichkeit schätze ich die ein, dass tagesschau24 zum 24/7-Nachrichtenkanal ausgebaut wird. Es wäre kein Rebranding nötig und der Sender würde weiter das normale Tagesschau-Design nutzen, d.h. eine vertraute Nachrichtenmarke würde verwendet und sogar gestärkt. Was vorhandene Studiokapazitäten betrifft: Ich kenne mich nicht so gut aus bei ARD-Aktuell, aber soweit ich weiß, ist es möglich, gleichzeitig eine Tagesschau-Ausgabe für das Erste und die tagesschau24 zu produzieren. Idealerweise wäre ich natürlich für ein neues Studio mit „Newsroom-Atmosphäre“. Das lassen wir aber weg. Das müsste erst gebaut werden, das kostet wiederum und mein Szenario soll ja möglichst beitragsneutral sein.

Mein „Konzept“ sähe auch eine Einstellung von Phoenix oder zumindest dessen Degradierung als Parlamentskanal  (vgl. BBC Parliament in Großbritannien) vor. Wichtige Bundestagsreden und Breaking-News-Ereignisse gäbe es bei tagesschau24, Dokumentationen sowieso auf anderen ARD-Sendern. Diverse Talk-Formate oder auch das Nachrichtenjournal „Der Tag“ könnten auf tagesschau24 ein neues Zuhause bekommen. Die Phoenix-Räumlichkeiten- und Studios in Berlin könnten somit behalten werden. Auch viele Mitarbeiter blieben weiterhin dort. Phoenix könnte auch als separate Marke innerhalb des tagesschau24-Programms beibehalten werden und verschwände somit nicht völlig aus der Fernsehlandschaft.

Natürlich wäre es nötig, viele neue Stellen bei ARD-Aktuell in Hamburg, wo tagesschau24 angesiedelt ist, zu schaffen. Wie viel? Ich weiß es nicht. Dutzende, vielleicht auch Hunderte. Wahrscheinlich müssten die Räumlichkeiten ausgeweitet werden. Da wir hier aber bereits die größte TV-Nachrichtenredaktion Deutschlands haben, erachte ich diese Variante als die vernünftigste. Synergien können weiterhin genutzt werden, wie es jetzt schon bei tagesschau24 erfolgt. Zu guter Letzt: Zusätzliche Online-Angebote würde das Ganze praktisch nicht beinhalten, mit tagesschau.de ist alles bereits vorhanden.

Das sind natürlich alles nur Gedankenspiele. Vielleicht ist es nicht umzusetzen.

Fazit:
1. Ich halte es letztendlich für unwahrscheinlich, dass wir in Deutschland irgendwann einen Nachrichtensender nach den genannten Vorbildern bekommen.
2. Die bisherigen privatwirtschaftlichen Versuche zur Etablierung echter 24/7-Nachrichtenkanäle waren abschreckend und es lohnt sich wirtschaftlich einfach nicht.
3. Von privater Seite bräuchte man einen Akteur, der bereit ist, viel Geld zu investieren und nicht auf Gewinn aus ist.
4. Sollte je die Schaffung eines vollwertigen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensenders im bestehenden komplizierten öffentlich-rechtlichen System im Gespräch sein,  böte sich am ehesten der Ausbau des bestehenden tagesschau24 bei ARD-Aktuell in Hamburg an.
5. Ohne die Einstellung anderer Sender wäre so ein Projekt nicht beitragsneutral umzusetzen.

Über Kritik und Anregungen freue ich mich.

Die BBC in den Sozialen Netzwerken + Newsanalyse in der Schule?

Die BBC Nachrichtenabteilung hat seit einiger Zeit offenbar ihren eigenen Weg gefunden, den sie in den sozialen Netzwerken gehen will. Und es ist, wie ich finde, ein konsequenter Weg mit einem überzeugenden Konzept. Zugeschnitten auf die jeweiligen Besonderheiten des Mediums gibt es Beiträge auf Facebook (BBC World News, BBC News), Twitter (@BBCWorld, @BBCNews, @BBCBreaking), YouTube und Instagram.

Dazu hat gestern nach dem weltweiten Radiosender BBC World Service auch dessen TV-Pendant BBC World News das innovative Format „Outside Source“ gelauncht, das den Zuschauern die Nachrichten auf revolutionäre Art näherbringen soll und nebenbei noch ein noch eine gute Möglichkeit ist, mit ihrem supermodernen Newsroom zu prunken. Nicht falsch verstehen, er ist auch wunderschön. Und alles ist echt. Das kennt man aus dem deutschen Fernsehen ja kaum noch. *Ironie an* Es wäre ja auch höchst unprofessionell, wenn während einer Nachrichtensendung im Hintergrund Mitarbeiter zu sehen wären, die zeigen, dass eine Nachrichtenredaktion kein Ein-Mann-Betrieb ist. Greenscreen-Technik ist das Non-Plus-Ultra! *Ironie aus* Ein Bild von dem Format „Outside Source“ kann man sich wochentags um 19 Uhr deutscher Zeit machen. Ein Interview (deutsch) mit Moderator Ros Atkins gibt’s auf Digitalfernsehen.de.

Die „alte Dame“ BBC ist also  bei weitem nicht so angestaubt wie ihr Spitzname es vermuten lassen könnte.  Man versucht, sich im Internet-Zeitalter gut zu positionieren und neue Wege in der Nachrichtenpräsentation zu gehen, ohne sein Prestige als Qualitätsanbieter von Rundfunknachrichten durch halbprofessionelle Spielereien zu gefährden. Und im Moment kenne ich keine andere Nachrichtenmarke, der das so überzeugend gelingt. Die BBC ist für mich inhaltlich als auch in der Präsentation immer noch DIE Nachrichtenmarke und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben – auch im Netz.

In diesem Beitrag sollte es ursprünglich nicht um die British Broadcasting Corporation an sich gehen, aber das ließ sich hier eben gut damit vereinbaren. Es ist schon ein paar Wochen her, da stieß ich auf diesen Beitrag von BBC News auf YouTube:

Auch wenn gut vier Minuten sicher nicht ausreichen, um das Thema annähernd erschöpfend zu erörtern, so sind doch einige interessante Gedanken dabei. Am interessantesten ist dabei der Gedanke, mit dem das Video eingeleitet wird: In der Schule wird uns gelehrt, Shakespeare zu analysieren und zu interpretieren. Warum aber nicht auch Tageszeitungen und TV-Nachrichtensendungen, welche heutzutage ja zweifellos eine viel größere Wirkung auf unsere Umwelt haben? Ich bin kein Pädagoge, aber ich finde den Gedanken durchaus interessant und schlüssig. Sollte es in einem Bundesland jemals ernsthafte Überlegungen zur Einführung eines Faches zur Vermittlung von Medienkompetenz geben, so wäre es angemessen, darüber nachzudenken, ob man sich darin nicht auch den nachrichtenverbreitenden Massenmedien widmet, denen wir täglich ausgesetzt sind.

Ein anderer interessanter Gedanke ist der, die Nachrichten, in welcher Verbreitungsform auch immer, als Kunstform zu sehen. Newsanalyse im Deutschunterricht neben Goethes Faust? Da widersprechen sicher viele und erörtern möchte ich diese Frage an dieser Stelle nicht. Interessante Gedanken aber allemal.

Fazit: Ein Hoch auf die BBC und ihren Newsroom! Ach ja…was ist denn eigentlich mit dem BER der ARD? Wann kommt das neue Tagesschau-Studio?